Buchempfehlung, Traumatherapie

Liebe, Lust und Trauma

Franz Ruppert entwickelt seit einigen Jahren die Identitätsorientierte Psychotraumatherapie (IoPT), mit der ich im Einzel- und Gruppensetting arbeite. Lesen Sie hier meine Rezension seines neuen Buchs „Liebe, Lust und Trauma: Auf dem Weg zur gesunden sexuellen Identität.“

Sexualität ist für den Psychotraumatologen Franz Ruppert kein Selbstzweck. Im Idealfall fördert sie ein „gutes Leben“. In seinem Buch stellt er dar, wo dies nicht gelingt: nämlich dann, wenn Sexualität unser Inneres spaltet oder bereits bestehende Spaltungen vertieft. Ein gutes Leben hingegen wird möglich, wenn wir als Menschen ganz sind und damit in der Lage, unsere eigene Lebensrealität mit ihrer jeweiligen Umgebung so wahrzunehmen wie sie ist. Dann haben wir ein gesundes Empfinden für unsere jeweiligen Bedürfnisse und Grenzen und sind in der Lage, entsprechend zu handeln. 

Das Therapieziel von Rupperts Ansatz ist eine gesunde individuelle Identität. Das gilt auch für den Bereich der Sexualität, die er mit diesem Buch sieben Jahre nach dem Erscheinen seines inzwischen nicht mehr ganz aktuellen Standardwerks „Trauma, Angst und Liebe“ (die Ähnlichkeit beider Buchtitel scheint gewollt) in den Mittelpunkt rückt. Der Begriff der „Sexuellen Identität“ bezeichnet dabei weitaus mehr als die sexuelle Orientierung. Der Weg zur ureigenen Identität und dem damit verbundenen Selbstgefühl kann nur selbst gegangen werden. Der Therapeut begleitet bestenfalls die Selbstintegration verlorengegangener Ich-Anteile und macht damit zugleich selbstentfremdende Überlebensstrategien überflüssig.

Rupperts Buch ist kein Ratgeber für Opfer sexueller Traumatisierung. Es will auch kein Therapiebegleiter sein. Selbstverständlich kann es keinen Therapeuten ersetzen. Und es erfordert schon ein gewisses Maß an psychischer Stabilität, dieses Buch mit seinen Beispielen sexueller Traumatisierung zu verdauen. Und obwohl Franz Ruppert als Universitätsprofessor wissenschaftlich denkt und arbeitet, ist sein Buch nicht wissenschaftlich im strengen Sinne. Es ist vielmehr ein ziemlich persönliches Buch, in dem Franz Ruppert über seine persönlichen Grundhaltungen und Prägungen schreibt. Dabei gibt er viel über seine Trauma-Biografie preis und beschreibt, wie ihm seine eigene Therapiemethode dabei geholfen hat, aus seinen Trauma-Überlebensstrategien auszusteigen und die ihm widerfahrenen Verletzungen nicht mehr in seinem Alltag zu re-inszenieren.

Vor allem werden mit diesem Buch die Grundstrukturen von Rupperts Psychotrauma-Theorie verständlich, die unter anderem erklärt, warum sich viele Opfer sexueller Gewalt nicht mehr daran erinnern können, was ihnen widerfahren ist oder das, woran sie sich erinnern, zunächst verharmlosen oder ganz verleugnen. Seine Theorie erklärt auch, warum sich Opfer mit ihren Tätern identifizieren und sich ggf. ihre pathologische Sichtweise und Täterhaltung zu eigen machen.

Rupperts Therapie-Ansatz basiert auf der Wiederherstellung einer gesunden Ich- und Willensfunktion. Das heißt, dass er in der Behandlung von sexuellen Traumata frühere traumatische Erfahrungen anderer Art bewusst nicht ausklammert. Das geht hin bis zur prä- und postnatalen Phase, wo Bindungsstörungen der Mutter zu dem führen können, was Ruppert in seiner einfachen und allgemein zugänglichen Sprache als Trauma der Identität und Trauma der Liebe bezeichnet. Durch die Fokussierung auf diese frühen Verletzungen wird eine Therapie des späteren Traumas der Sexualität oft erst möglich. 

Diese Einsicht ist der psychotraumatologischen Forschung durchaus bekannt. Leider wird sie in der praktischen Ausübung anderer traumatherapeutischer Ansätze oft vergessen. Rupperts Ansatz hingegen, der diese Zusammenhänge in ihrem ganzen Ausmaß und ihrer ganzen Tragweite in den Blick nimmt, hat bisher noch wenig Beachtung im akademischen Umfeld der Psychotraumatologie gefunden. Eine fachlich fundierte, sachlich-kritische und praxisorientierte Rezeption seiner Theorie und Methode steht noch aus und wäre vor allem im Hinblick auf die zahlreichen Betroffenen äußerst lohnend. Ganz zu schweigen davon, dass der Fachbereich der Psychotraumatologie an den deutschsprachigen Universitäten nach wie vor insgesamt vernachlässigt wird.

Diese Rezension wurde zeitgleich auch auf amazon.de und randomhouse.de veröffentlicht.