Buchempfehlung, Rezension

Buchrezension: Von den eigenen Abgründen und der eigenen Größe

Meine Rezension eines Buchs über den grönländischen Schamanen Angaangaq mit dem Titel „Schmelzt das Eis in euren Herzen! Indigene Weisheit für ein kraftvolles Leben im Einklang mit der Natur“, herausgegeben von Christoph Quarch:

Vieles von dem, was der grönländische Schamane Angaangaq in diesem Buch beschreibt, klingt vertraut. Seine einfachen Worte haben jedoch eine Tiefe, die von Herzen kommt und auf den Punkt bringt, woran die Welt krankt: an der verbreiteten Herzenskälte des Menschen.

Mit seiner deutschen Übersetzung schafft es der Herausgeber, eine Brücke zu schlagen von der Welt eines traditionellen Schamanen aus Grönland hin zu uns. Angaangaq hat die moderne Welt zwar gesehen und durchaus schätzen gelernt, aber im Geist lebt er in der Erfahrungswelt seiner Ahnen fort. Er entstammt einer langen Traditionslinie von Schamanen, die mit dem Einzug der christlichen Lehre und Glaubenspraxis in sein Land um 1820 abbrach und nur noch im Verborgenen weitergegeben wurde.

Was lässt Angaangaq aus dieser schamanischen Tradition wieder lebendig werden? In seinem Buch geht es um die menschliche Seele, Gesang und Gebet, um die zentrale Bedeutung von Zeremonien für die Entwicklung des menschlichen Geistes, die Verbundenheit mit allen Seins-Ebenen der Natur. Zentral auf dem schamanischen Weg ist schließlich die Selbstbegegnung, die nur dem möglich ist, der radikal ehrlich ist zu sich selbst. Die Begegnung mit den eigenen Abgründen ist nicht zu trennen von der Begegnung mit der eigenen Größe. Sie ist die Voraussetzung für die Begegnung mit dem Göttlichen in uns.

Angaangaqs Gedanken sind mir aus meiner psychotherapeutischen Arbeit vertraut. Sie finden sich auch in der religionsübergreifenden Bahai-Lehre, mit der ich aufgewachsen bin. Angaangaq versteht sich selbst als Weltbürger und Bahai. Letztlich bezieht er sich auf die Stifter aller Weltreligionen. Er geht davon aus, dass sie alle vom selben Geist durchdrungen waren. Es sei darum irrsinnig, wie sich die Religionen im Laufe der Zeit in Kirchen und Sekten zersplitterten und von ihrer ursprünglichen Kraft und Schönheit kaum etwas geblieben sei.

Auch innerhalb des Bahaitums habe ich das erlebt. Seine Institutionen drehten sich um Machtfragen, der Geist wich der Bürokratie und Verblendung. Innerhalb der Gemeinde wurden Feindbilder kreiert, Angst geschürt. Allen Weltreligionen ist das mehr oder weniger widerfahren.

Angaangaqs Antwort auf derartige Entwicklungen und auf die drängenden Probleme unserer Zeit ist erstaunlich einfach. Es ist der Betrachtung und Erfahrungswelt des Lesers überlassen, ob zu einfach: Der verlorengegangene Geist kann mit dem Feiern von Zeremonien im schamanischen Sinne wieder in die Welt gebracht werden, der Verstand mit Herz und Körper wieder verbunden werden. Die Verbundenheit mit Mutter Erde erfordert die Verbundenheit mit uns selbst. Sie ist die Voraussetzung für einen Lebensstil, der der Natur (und damit unserer eigenen Lebensgrundlage) keine Gewalt mehr antut.

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